(Deutsche Sagen, 1. Band, 1816, Nr. 244 – Jacob und Wilhelm Grimm)
Im Jahre 1284 nach Christi Geburt, am Tage Johannis und Pauli, d. i. am 26. Junii,
sind zu Hameln 130 Kinder, Bürgerkinder, auf unbegreifliche Weise verschwunden und niemals wiedergebracht worden.Ein pfeifender Spielmann, in allerlei Farben gekleidet, erschien dort,
der versprach, die Stadt von den Ratten und Mäusen zu befreien;
und als man ihm seinen Lohn gelobt hatte,
ging er mit seiner Pfeife durch alle Gassen, und es liefen die Ratten und Mäuse zusammen und folgten ihm hinaus vor das Tor.Da er aber seinen Lohn forderte und ihn die Bürger nicht leisten wollten,
kam er wieder, als die Einwohner in der Kirche waren,
und spielte auf seiner Pfeife durch die Gassen.Da liefen alle Kinder, Knaben und Mädchen,
ihm nach hinaus vor das Osttor,
wo beim Koppenberge eine neue Straße ist,
und sie verschwanden in dem Berge,
in welchem sie eingeschlossen wurden.
Nur zwei Kinder kamen wieder zurück –
eines blind, eines taub –,
sodass sie weder Weg noch Pfeife wiedererkennen konnten.Die Straße führte man hernach
die verlorene Straße (die verlorene Kinder Straße).Dieses Ereignis hat man in Hameln auf das Sorgfältigste aufgeschrieben,
und man hat es späterhin in Glas und Stein dargestellt.
Noch im Jahre 1572 stand auf dem neuen Stadthause zu Hameln diese Geschichte mit großen Buchstaben verzeichnet.Und so trägt man sie bis heute nach.
Jacob und Wilhelm Grimm:
Deutsche Sagen. Erster Band.
Realschulbuchhandlung, Berlin 1816.
Nr. 244: „Der Kinder zu Hameln Auszug“.
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(Direktlink zur Originalausgabe der „Deutschen Sagen“)
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